Ein Symbol mit bewegender Geschichte
Im November 1940 bombardierte die deutsche Luftwaffe die englische Stadt Coventry und zerstörte ihre Kathedrale fast vollständig. Als der damalige Domprobst Richard Howard durch die Trümmer schritt, ließ er nicht nur ein Holzkreuz aus zwei Dachbalken, sondern auch ein kleines Kreuz aus drei Zimmermannsnägeln anfertigen.
Seither ist das Nagelkreuz zum Symbol einer weltweiten Bewegung geworden, die sich für Versöhnung und Frieden einsetzt. Heute gibt es diese Gemeinschaft in etwa 30 Ländern. Das Nagelkreuz wird Institutionen und Gemeinden verliehen, die sich diesem Gedanken verpflichten.
Der lange Weg nach Chemnitz
Seit mehr als vier Jahren hat eine ökumenische Initiativgruppe auf diesen Moment hingearbeitet. Der 5. März 2025, der 80. Jahrestag der großflächigen Zerstörung der Stadt mit mehr als 2000 Todesopfern, bot den Rahmen für den ökumenischen Festgottesdienst in der St. Jakobikirche.
Im Mittelpunkt stand ein Auszug aus Psalm 51, gelesen vom Apostel der Neuapostolischen Kirche Ralph Wittich.
"Vater, vergib" – Lesung des Predigttextes von Landesbischof Bilz
Der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen, Tobias Bilz, stellte die Versöhnungslitanei von Coventry an den Anfang seiner Lesung. Sie wiederholt siebenmal die Bitte: "Vater, vergib" Es heißt nicht „Vater, vergib ihnen“. Fakt ist, dass im Zweiten Weltkrieg die Aggression von Deutschland ausging. Und dennoch gelangte bereits 1947, nur zwei Jahre nach Kriegsende, das erste Nagelkreuz nach Deutschland.
Er wies auf die ersten Worte der Litanei hin: "Alle haben gesündigt". Diese Aussage sei eine Provokation, denn sie benennt alle Seiten. "Jeder muss sich fragen: Was ist meine Aktie daran?" Diese Haltung der Selbstkritik sei eine Stärke. Den Weg zur Versöhnung unterlegte Bilz mit Psalm 51:
- Bitte um einen neuen, beständigen Geist – Die Sehnsucht nach Erneuerung motiviert zur Buße.
- Bitte um ein reines Herz – Ein reines Herz hat der, der aufhört, sich etwas vorzumachen.
- Bitte um einen fähigen Geist – Ein Friedensstifter, der mit Übermacht zur Versöhnung zwingen will, wird langfristig keinen Frieden bringen.
Drei Prinzipien der Versöhnung – Die Predigt von John Witcombe
The Very Reverend John Witcombe, Dekan der Kathedrale von Coventry, betonte die Bedeutung der gemeinsamen Geschichte zerstörter Städte. Die Verleihung des Nagelkreuzes sei der sichtbare Beitritt Chemnitz' zu einer weltweiten Gemeinschaft der Versöhnung. Mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen warnte er vor dem Aufleben eines neuen Nationalismus.
Er hob drei Prioritäten hervor:
- Die Wunden der Geschichte heilen – Versöhnungsarbeit beginnt mit Zuhören. Geschichten müssen erzählt und gehört werden.
- Lernen, mit Unterschieden zu leben und Vielfalt zu feiern – Es bedeutet, Zeit mit Menschen zu verbringen, die uns vielleicht unbequem sind. Unsere eigenen Leute müssen wir dafür eine Weile zurücklassen.
- Eine Kultur der Gerechtigkeit und des Friedens aufbauen – Das Reich Gottes heißt alle willkommen, nährt alle und behandelt jeden als Nachbarn.
Der feierliche Höhepunkt
Die Liturgie zur Entgegennahme des Nagelkreuzes schloss mit einem Auftrag an die Gemeinschaft, sich aktiv für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung einzusetzen. Der Moment der Übergabe war von spürbarer Symbolkraft geprägt. Das Kreuz wird als "Wander-Nagelkreuz" durch verschiedene Gemeinden, Institutionen und Einrichtungen in Chemnitz gehen, um dort zur intensiven Auseinandersetzung mit Versöhnung und Frieden anzuregen.
Musik und gemeinsames Gedenken
Der Chor der Neuapostolischen Kirche Chemnitz, das Bläserensemble Müller-Sextett und Kantor Thomas Stadler an der Orgel rundeten den Gottesdienst musikalisch ab.
Nach dem feierlichen Auszug unter Glockengeläut wurde das Nagelkreuz auf den Marktplatz getragen. Dort stellten die Anwesenden Kerzen ab und sangen als Friedensverkündung den Kanon "Dona nobis pacem". Schließlich wurde das Kreuz in der St. Jakobikirche aufgestellt, wo jeden Freitagmittag in Verbundenheit mit Coventry das Versöhnungsgebet gesprochen wird.
Neuapostolische Kirche